Achtzehn Stufen

 

Immer wieder. Betty und Nora hatten versprochen, wenn sie erst im Ruhestand sind, dann könnten sie  Mutter auch mal betreuen. „Wenn ihr in Urlaub fahren wollt, Anne. Das ist doch gar kein  Problem.“ Anne dachte, nun sind die beiden im Ruhestand und Klaus wird nächstes Jahr pensioniert, trotzdem wollen sie sich nicht belasten. Fünf Wochen waren vergangen. Die Geschwister kamen zum Sonntagskaffee. Ein herrlicher Septembertag, die Luft roch nach warmer Erde, ganz leicht hauchte schon der Oktober seinen Duft von buntem verwelkendem Laub hinein. Anne hatte den Tisch gedeckt, der selbst gebackene Kuchen verströmte einen verführerischen Pflaumen-Zimtgeruch. Markus hatte Mutter auf die Terrasse geführt und ihr eine Decke umgelegt. Betty und Nora schwatzten, wie immer, unaufhörlich von ihren Wichtigkeiten.  „…und stell dir vor, das Ganze hat dann 280,00 € gekostet. Was sagst du zu so einer Unverschämtheit.“ Nora hatte sich ihr zugewandt: „Anne, du hörst mir gar nicht zu. Du lebst aber wirklich nur noch in deiner Welt. Ihr solltet mal wieder was unternehmen, du musst mal raus. Hamburg oder so.“ „Ja, das ist ein guter Vorschlag. Für so ein Wochenende findet sich bestimmt mal eine Pflegerin“, Betty unterstütze ihre Schwester. Abrupt schlug Anne mit der Faust auf den Tisch, dass der Kaffee überschwappte. Sie sprang auf und brüllte ihre Schwestern an: „Ein Wochenende? Was soll das? Ich brauche täglich jemand! Ihr habt ja keine Ahnung. Ihr redet und redet nur von euch, nach mir fragt ihr überhaupt nicht.“ Anne lief laut aufschluchzend ins Haus. Die Männer hatten sich im Garten unterhalten und kamen zur Terrasse: „Was war denn los?“, fragte Klaus. „Also Anne ist vollkommen hysterisch geworden. Wir hatten den Vorschlag gemacht, für ein Wochenende eine Pflegerin zu engagieren, damit ihr mal rauskommt“, wandte sich Betty an Markus.  Nora legte auf die Untertassen Papierservietten, um den Kaffee aufzusaugen und sagte: „Ich verstehe Anne nicht. Mutter ist doch kein schwerer Pflegefall. Es fällt gewiss nicht  immer leicht, aber Anne hat ein gesundes Herz, keine Rückenbeschwerden, in ihrem Alter bin ich noch stramm in meine Praxis gegangen. Und nicht zu vergessen, Anne ist die Fachkraft. Mutter, was sagst du dazu. Wäre es nicht möglich, dass am Wochenende mal eine nette Frau käme, damit Anne und Markus mal ausspannen können?“ Die ganze Zeit hatte sich Mutter nicht bewegt und nichts gesagt. Sie sah Nora an und nachdem ihr Blick hilflos von einem zum anderen wanderte, kam ein kaum hörbares: „Ja“ über ihre Lippen. „Na also!“, sagte Nora und setzte sich an ihren Platz. Weder Betty noch Nora hatten daran gedacht, dass Mutter ihren Kuchenteller nicht allein vom Tisch auf das Schoßtischchen heben konnte. Sie hatte dadurch noch kein Stück essen können. Anne kam aus dem Haus und reichte ihr wortlos den Kuchenteller. Sie half ihr, ein  wenig Kaffee zu trinken. „Seht ihr, das meine ich. Ihr redet und redet, seht aber nicht was nötig ist. Und zu mir sagt ihr, das sei alles ein Kinderspiel“, schnaubte Anne mit geröteten Augen. „Du bist ja völlig übergeschnappt. Wir kommen wieder, wenn du dich beruhigt hast. Komm Klaus! Der Appetit auf Kuchen ist mir vergangen“, mit diesen Worten erhob sich Nora und Betty schloss sich den beiden an. Es war so ausgegangen wie meist, heute allerdings noch im Streit. Betty und Nora besuchten Mutter alle vier Wochen im Sonntagsstaat, nicht in der Lage   sie wenigstens an diesem Tag zu betreuen und ins Bett zu bringen. „Du machst das schon Anne. Klaus und ich haben für heute noch Theaterkarten. Wir müssen los.“ Die beiden hatten immer Theaterkarten. Betty versprach jedes Mal: „Du, heute klappt es nicht, aber ich komme in der Woche mal vorbei. Versprochen!“

Als Markus und Anne wieder auf die Terrasse kamen, war Mutter eingenickt. Markus nahm ihr den Teller vom Schoß. Er legte den Arm um Anne und sie gingen ein Stück über den Rasen.„Ich habe mit Klaus über die Finanzierung einer Pflegerin gesprochen. Er meint, es sei nicht zu machen. Er fände es zu teuer, weil man nicht weiß, wie viele Jahre das Geld nötig sei. Außerdem würde der Medizinische Dienst, der die Pflegestufen einschätzt, für Mutter keine hohe Pflegstufe festlegen. Ich hatte den Eindruck, dass Klaus auch nicht einsieht warum.“ „Sie lassen uns alle im Stich, weil sie denken, dass ich ja schließlich ausgebildete Krankenschwester bin. Wozu dann eine fremde Pflegerin. Dabei hat das doch gar nichts miteinander zu tun.“ „Na ich habe Klaus geschildert, was so vorgekommen ist im Laufe der Zeit. Als ich vom Altersheim sprach, hat er gleich abgewinkt. Mutters Rente würde für eine bessere Kategorie nie reichen und dadurch seien wir vor dem gleichen Problem, wie mit der Pflegerin.“ Der Kopf war ihr auf die Brust gesunken und sie kippte mit einem kleinen Ruck zur Seite und wachte auf. Sie sah sich um, aber nichts kam ihr bekannt vor. Über die Wiese kamen zwei Menschen auf sie zu. Dann zeigten ihre Züge ein Erkennen. Ach, das sind ja Anne und Markus, dachte sie. Sie sah sie unverwandt an, umklammerte das Tischtuch und zog daran. Anne und Markus konnten nicht so schnell laufen, wie das Tischtuch mit dem gesamten Kaffeegeschirr laut klirrend auf dem Terrassenboden landete. „Mutter!“, herrschte Markus sie an und sah fragend zu Anne. Sie ging zu ihrer Mutter und versuchte sie am linken Arm vom Stuhl zu zerren. Markus ging auf die rechte Seite und packte sie wütend am Oberarm. Ziemlich rasch und unbeherrscht brachten sie Mutter in ihr Zimmer und setzten sie dort in ihren großen Sessel.Bevor Anne zur Tür ging, drehte sie sich noch einmal um und sah ihrer Mutter ins Gesicht. Sie lächelte Anne an und Anne konnte nicht erkennen, ob es ein triumphierendes oder ein blödes Lächeln war. Sie knallte die Tür hinter sich zu. Unten angekommen, sah Anne gar nicht erst nach, ob noch etwas vom Geschirr zu retten war. Sie nahm die Tischdecke an allen vier Ecken auf und warf das so entstandene Bündel klirrend in die graue Tonne.Markus war in die Küche gegangen und hatte zwei große Cognacgläser gefüllt. Er brachte eins und reichte es Anne wortlos.

 

Mit schwerem Kopf wachte Anne am nächsten Morgen auf. Sie sah nach links, doch das Bett war leer. „Oh, Gott“, murmelte sie: „Schon acht Uhr.“ Markus war längst im Büro. Das Aufstehen fiel ihr schwer, aber nicht wegen des Alkohols von gestern, sondern vor Traurigkeit. Am liebsten wäre sie liegen geblieben. Sie schlich in die Küche und brühte sich einen starken Kaffee. Auf dem Tisch lag ein Zettel. Markus hatte geschrieben: Das darf nie wieder vorkommen!!!  Ich habe Mutter heute früh auf ihr Bett gelegt. Sie lag auf dem Boden, als ich hoch kam. Ich liebe dich, Markus. Anne blieb sitzen. Sie empfand nichts, kein Mitleid, keine Reue, alles war leer. Sie ging ins Bad, duschte ausgiebig und legte sorgfältig make up auf. Dann fuhr sie in die Stadt, schlenderte durch die Kaufhäuser und besuchte Marie in der Töpferei. „Anne, wie schön. Ich freue mich! Lass mich raten? Deine aufopferungsvolle Schwester Betty ist wirklich mal gekommen. Prima! Komm, ich zeige dir was ich in letzter Zeit gemacht habe.“ Anne nickte. „Ich kann nicht lange bleiben“, entgegnete sie: „Ich habe noch einen Frisörtermin.“ In einem Delikatessengeschäft kaufte sie Leckeres zum Abendbrot und war kurz vor fünf Uhr wieder zu Hause. Markus kam viertel vor sieben. Der Tisch war festlich gedeckt, Wein kalt gestellt und sie hatte ein neues Kleid an.„Du brauchst heute nicht zu Mutter hoch, sie schläft schon“, rief Anne fröhlich. „Bitte lass uns nicht von gestern sprechen. Mit diesem Abend decken wir alles zu und    fangen noch mal von vorn an. Ich musste tatsächlich nur einmal raus. Stell dir vor, Marie war heute früh hier und hat mich förmlich zum Frisör gejagt.“ „Macht sie vormittags nicht immer ihren Laden auf?“ „Ja, ja, aber heute hatte sie ihn für mich geschlossen.“ Es war ein schöner Abend, wie lange nicht mehr. Anne trank viel vom Wein und später nahmen sie sich viel Zeit füreinander. Am nächsten Morgen stand sie mit Markus auf und frühstückte mit ihm. „Warum so zeitig, du kannst doch noch eine halbe Stunde liegen bleiben.“ „Da siehst du mal, was so ein freier Tag für einen Elan bringt. Ich fühle mich wohl und munter.“ Als sie die Haustür hinter ihm schloss, lehnte sie sich mit dem Rücken an die Tür, die gespielte Heiterkeit war verflogen. Es kam ihr vor, als müsste sie in eine dunkle Gruft steigen.Anne schlug die Hände vors Gesicht. Was hatte sie getan? Seit Sonntagabend hatte sie sich nicht um Mutter gekümmert und sie hatte Markus belogen. Heute war Dienstag. Sie ging in die Küche, setzte sich und starrte vor sich hin. Sie wusste, sie muss nach oben. Anne befiel Panik, ihr grauste davor, was sie wohl vorfinden würde. Vielleicht war Mutter tot. Angst lähmte sie und hielt sie auf dem Stuhl, als wäre Klebstoff darauf. So war sie doch nicht. Nein, das war ein Ausrutscher nach all der Anspannung. Markus hatte Recht, das darf nie wieder vorkommen.Sie ging in den Flur und blieb am unteren Treppenabsatz stehen. Sie horchte angespannt, konnte jedoch kein Geräusch von oben vernehmen. Eine Treppe nach oben führt angeblich immer ins Licht, dachte sie.    Diese Treppe führte Stufe für Stufe in die Angst.  Achtzehn Angststufen, zweimal neun, summierten sich zu großer Angst, große Angst zur Panik. Und Anne musste die Stufen steigen, nicht Nora, nicht Betty.  Sie setzte den Fuß auf die erste Stufe. – was ist, wenn sie tot ist? Polizei, Verhaftung, Verurteilung!   Zweite Stufe – das Leben ist aus! Oh Gott, wenn doch alles rückgängig zu machen wäre!  Dritte Stufe  – Markus, die Jungs – seine Frau, ihre Mutter eine Mörderin!  Vierte Stufe – wenn sie nicht tot ist, aber verletzt, krank!  Anne blieb stehen, es war ihr unmöglich die nächste Stufe zu steigen. Alle Areale des Gehirns schienen auf Panik geschaltet zu sein, nicht mehr in der Lage, klare Anweisungen an die Füße zu geben. Dann, nach einigen quälenden Atemzügen, nahm sie die nächsten beiden Stufen. Siebte Stufe – wenn sie mich ansieht !  Zehnte Stufe – wenn sie mich verachtet!  Zwölfte Stufe – wenn sie klar ist und Markus alles erzählt?  Sie begriff, was es bedeuteten würde, wenn es Markus erführe. Ob ihrer Gleichgültigkeit und ihres Egoismus, fühlte sie das schlechte Gewissen in der Mitte des Bauches fressen, als ob es dort seinen Sitz hätte. Fünfzehnte Stufe – wenn noch alles zu retten ist, dann soll alles besser werden. Achtzehnte Stufe – Mutter, verzeih mir!  Anne schluchzte, nie wieder, Mutter nie wieder werde ich dich im Stich lassen. Anne liefen Tränen über die Wangen und Speichel troff aus dem offenen Mund. Sie hatte sich nicht in der Gewalt. Dennoch drückte sie die Türklinke herunter und machte einen Schritt ins Zimmer.

 

 

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