Leseprobe Was du tust das tue bald

Eine kurze Erzählung einer langen Zeit der Erinnerungen, gespickt mit Redensarten und Sprichwörtern

 

 

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

 

sagten sich zwei Menschen an einem sonnigen Maitag des Jahres 1989 im Park von Babelsberg.

Bereits Jahrzehnte zuvor warfen politische Ereignisse ihre Schatten voraus.

Die deutsche Teilung war das eine, Demokratie und Diktatur das jeweils andere.

Die wirtschaftliche Lage der DDR hatte sich 1961 stark verschlechtert. Das war nicht nur die Folge des Aufstandes von 1953, sondern auch der Planwirtschaft und die fortdauernde (Ent)täuschung.

Über zweieinhalb Millionen Menschen hatten bis 1961 die DDR  verlassen. Die Staatsführung erkannte nicht die Zeichen der Zeit.

Im Juli 1961 nahmen 30.000 Menschen die letzte Möglichkeit zur Flucht nach Westberlin wahr.

Schon in den Monaten zuvor waren die S-Bahnen in den Westsektor überfüllt. Die Leute transportierten teilweise ihren gesamten beweglichen Haushalt. Säcke mit Bettzeug, Wäsche, sowie Garderobe. Koffer mit Geschirr und Besteck. Kisten mit Töpfen und Elektrogeräten. Man wollte im Westen ja nicht „ohne“ dastehen.

Der folgende Mangel an Arbeitskräften machte der DDR den sprichwörtlichen Garaus.

 

 

Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten

 

war die Antwort Walter Ulbrichts am 15.Juni 1961 auf die Frage eines Journalisten, ob sich die DDR gegen das Ausbluten schützen wird.

Neuneinhalb Wochen später, am frühen Morgen des 13.August

wurden in Berlins Mitte Barrikaden errichtet, Betonpfähle aufgestellt und Stacheldraht gezogen.

Panzer der Nationalen Volksarmee rollten an.

Verkehrsverbindungen zwischen den Westsektoren Berlins und Ostberlin wurden um Mitternacht zum 13.August eingestellt. Es gab viele Familien, welche die letzte Gelegenheit zu fahren verpasst hatten und am 13.August in ihre leeren Wohnungen zurück mussten. Das bedeutete ein jahrelanges Sparen und erneutes Einrichten, was jedoch niemand bemerken durfte!

Innerhalb von vier Tagen war die Grenze unpassierbar!

 

 

Den Sprung in die Freiheit

 

wagte am 15.August der Bereitschaftspolizist Conrad Schumann – eine spontane Entscheidung.

 

In der Bernauer Straße sprang Ida Siekmann am frühen Morgen des 21.August 1961 aus dem Fenster, aus dem sie zuvor Bettzeug und einige Habseligkeiten geworfen hatte. Am Vortag war die Haustür verbarrikadiert worden – wie so viele, die im sowjetischen Sektor nahe der Mauer standen. Ihr brachte der Sprung leider nicht die Freiheit. Ida Siekmann starb an schweren Verletzungen auf dem Weg ins Krankenhaus.

 

Nachdem die meisten Fenster eines weiteren Mietshauses bereits zugemauert waren, wagte eine 77-Jährige Frau spontan die Flucht über ein Fenster ihrer Wohnung, was zur Westseite lag. Denn die Häuser standen im Ostsektor Berlins, während die davorliegenden Gehwege zu Westberlin gehörten.

Ihr Vorhaben wurde entdeckt, sie wurde am Arm festgehalten und hing minutenlang in der Schwebe, bevor sie den Sprung in das Sprungtuch schaffte.

 

 

Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?

 

  „Ich bin ein Berliner“ war das die Antwort von John F. Kennedy 1963 bei einem Berlinbesuch?

„Herr Gorbatschow, reißen Sie die Mauer ein!“ lautete 1987 ein schlagzeilenwirksamer Ausruf Ronald Reagans.

Bundeskanzler Willy Brandts Devise, dass der stete Tropfen den Stein höhlt, klang nach einer wirksameren Ostpolitik.

Wanderer zwischen zwei Welten konnte man nur zwischen der DDR und der Tschechoslowakei sein. Aber von dort gab es keinen Weg in die Freiheit, die die beiden meinten.

Lech Wałęsas „Solidarność“ machte eine Reise nach Polen ab 1981 fast unmöglich, denn der Mut der Polen könnte ansteckend auf die DDR-Bürger wirken!

 

Doch zurück zu unseren beiden Spaziergängern.

Sie 39, er 19 Jahre alt, Mutter und Sohn. Sie wohnte in Halle, er in Potsdam.

Die berühmte Glienicker Brücke war nur einen Katzensprung vom Babelsberger Park entfernt, dennoch unerreichbar.   

 

 

              Antrag eines Antragformulars

 

Ein Antrag zur ständigen Ausreise aus der DDR wurde als rechtswidrig angesehen und war nicht selten für die Antragsteller mit jahrelangem Warten, Repressalien und Arbeitslosigkeit verbunden.                                              

Mutter und Sohn suchten das sprichwörtliche Ei des Columbus und meinten es gefunden zu haben im baldigen 70.Geburtstag eines Westonkels.

Denn Reisen in das nichtsozialistische Ausland waren für Bürger außerhalb des Rentenalters zu besonderen familiären Anlässen möglich. Sie wurden genehmigt, wenn die Rückkehr des Reisenden gewährleistet war.

Zurückgelassene Kinder oder Ehepartner garantierten die Rückreise?

 

Sie füllte bei der Meldestelle des örtlichen Volkspolizeiamtes das Formular für eine einwöchige Besuchsreise in die BRD aus.

Abgelehnt!   

Aus der Idee, sie fährt zum Geburtstag, kommt nicht zurück, und beide stellen einen Antrag auf Familienzusammenführung, sollte also nichts werden, denn grau ist alle Theorie.

Daraufhin wagte sie sich in die Höhle des Löwen, ins Ministerium des Inneren der DDR, um nachzufragen, warum die örtliche Behörde die Reise abgelehnt hatte.

„Bürgerin, fahren Sie nach Hause. Die Reise wird nicht  genehmigt!“, lautete die Berliner Antwort.

Warum nicht?

Sie fand nicht die Spur von einem Geist, alles war Dressur.

Weil, so merkten beide messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Jedoch ist aufgeschoben nicht aufgehoben und die nächste Gelegenheit könnte bei einem weiteren Familienjubiläum winken.

 

 

Sommer

 

Der ungarische Ministerpräsident Miklos Nemeth erklärte in Moskau Michail Gorbatschow, dass Ungarn den Grenzzaun zu Österreich abbauen werde. Gorbatschow versprach keine Einmischung.

Es gab mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, die man in  seinem kleinen Wohnzimmer in der Tagesschau mit offenem Mund bestaunen konnte.

Die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock und Gyula Horn schnitten demonstrativ vor laufenden Kameras ein Loch in den Stacheldrahtzaun der Grenzanlagen.

So geschehen am 27.Juni 1989.

 

Der Sommermonat Juli sah Steffi Graf und Boris Becker in Wimbledon und in Westberlin fand die erste Loveparade statt.

Doch wen interessierte das, wenn er andere Ziele verfolgte?

 

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In Bereitschaft sein ist alles

 

Am 19.August organisierten das Ungarische Demokratische Forum und die Paneuropa-Union unter Imre Poszgay und Otto von Habsburg das berühmt gewordene „Paneuropäische Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze.

Dabei wurde ein altes Grenztor für drei Stunden geöffnet, um der neuen Freundschaft zwischen Ungarn und Österreich ein Symbol zu geben.

Etwa 700 DDR-Bürger entschlossen sich spontan die Gelegenheit zu nutzen. Sie trafen an dem Tor auf verblüffte ungarische Grenzer, die ihnen aus Überraschung und Unsicherheit den Durchgang ermöglichten.

Das war einer der Zündungsmechanismen, woraufhin immer mehr Menschen jeden Alters nach Ungarn kamen.

Besonders groß war die Anzahl von jungen Leuten.

Alle traten ihre Reise ohne gesicherte Unterkünfte an.

Vor allem in Budapest und dem Grenzort Sopron, aber auch am Balaton hielten sie sich zur Flucht bereit.

Im Garten der römisch-katholischen Gemeinde Zugliget organisierte Pater Imre Kozma die Flüchtlingsseelsorge.

Dr. Lajos Bekefy, der als evangelisch-reformierter Pfarrer im Flüchtlingslager Csillebérc war, erinnerte sich: „Jene Tage kann man nicht vergessen. Ein beispielloser Exodus! Tausende kamen als Touristen nach Ungarn, um ihrem Staat, der DDR, auf diesem Weg den Rücken zu kehren.“

 

Was du tust, das tue bald

 

dachte er und beantragte ebenfalls ein Visum für eine

Reise nach Ungarn.

Falls unsere Fluchtwilligen beide ein Visum einreichen würden, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass beide Reisegenehmigungen ohne Angabe von Gründen – aus Gründen – verweigert werden würden.

Es hieß also Warten auf sein Visum!

 

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9/11

 

Ein ganz anderer nine/eleven als der, den die Welt 2001 erfahren musste, ereignete sich inzwischen am 11.September 1989.

Die ungarische Grenze wurde endgültig geöffnet!

Außenminister Gyula Horn erklärte, dass man sich für den humanitären Weg der Grenzöffnung entschieden hatte, weil die Zahl der Ausreisewilligen immens gestiegen war.

Das Abkommen zwischen Berlin und Budapest über Reisemöglichkeiten von DDR-Bürgern werde zukünftig von ungarischer Seite aufgehoben oder verändert.

Nach langen und bangen Wochen fuhren 2000 Trabis, Wartburgs und andere Autos über Österreich in die Bundesrepublik. Später wurden österreichische Busse eingesetzt,

welche Flüchtlinge ohne Auto bis nach Passau brachten.

Nach mühsamer Fahrt in einem  Trabant 500 aus dem Baujahr 1959 kam ein Paar aus Dresden in Passau an.

25.000 Glückliche flüchteten in den nächsten drei Wochen über Österreich in die Bundesrepublik.

Die DDR-Führung warf dem Westen illegale Abwerbung vor und Ungarn völkerrechtlichen Vertragsbruch und organisierten Menschenhandel.

Das Lager Zugliget war nach Stunden menschenleer. Ebenso alle anderen Zelt- oder Privatunterkünfte.

Man schätzte, dass sich immer noch ca. 60.000 Menschen aus der DDR in Ungarn aufhielten. Wie viele davon tatsächlich nur Urlaub machen wollten, konnte man nicht wissen.

Pfarrer Imre Kozma, hielt einen Dankgottesdienst

und verkündete, dass Zugliget weiterhin geöffnet bliebe.

 

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Hannemann geh du voran

 

Im Märchen der Sieben Schwaben heißt es über Hannemann weiter: „Du hast die größten Stiefel an!“

Die Reiseerlaubnis für ihn war nach vierwöchiger Wartezeit  da!

Auf einmal war alles so nah, so greifbar für ihn geworden.

Den Ausreisemutigen in Leipzig, Potsdam, Halle und anderswo in der DDR waren die allabendlichen Informationen der Tagesschau nach wie vor wertvoll.

Wie kommt man in die Zeltlager, was soll man in den Zügen oder Autos beachten, um die Grenzkontrollen ungefährdet passieren zu können.

Die größeren Schuhe hatte er allerdings, ging er nur voran oder würden sie sich nie wieder sehen?

Eine Frage, die man zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten konnte.

Sie ließ ihn mit aller Liebe und guten Wünschen in seine Zukunft ziehen:

„Denn meine Gedanken

    zerreißen die Schranken

und Mauern entzwei,

     die Gedanken sind frei.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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