Leseprobe Achtzehn Stufen

 

 

 

Der Kopf war ihr auf die Brust gesunken und sie kippte mit einem kleinen Ruck zur Seite und wachte auf. Sie sah sich um, aber nichts kam ihr bekannt vor. Über die Wiese kamen zwei Menschen auf sie zu. Dann zeigten ihre Züge ein Erkennen.

Ach, das sind ja Anne und Markus, dachte sie.

Sie sah sie unverwandt an, umklammerte das Tischtuch und zog daran.

 

 

Anne und Markus konnten nicht so schnell laufen, wie das Tischtuch mit dem gesamten Kaffeegeschirr laut klirrend auf dem Terrassenboden landete.

„Mutter!“, herrschte Markus sie an und sah fragend zu Anne.

Sie ging zu ihrer Mutter und versuchte sie am linken Arm vom Stuhl zu zerren.

Markus ging auf die rechte Seite und packte sie wütend am Oberarm. Ziemlich rasch und unbeherrscht brachten sie Mutter in ihr Zimmer und setzten sie dort in ihren großen Sessel. Bevor Anne zur Tür ging, drehte sie sich noch einmal um und sah ihrer Mutter ins Gesicht. Sie lächelte Anne an und Anne konnte nicht erkennen, ob es ein triumphierendes oder ein blödes Lächeln war. Sie knallte die Tür hinter sich zu.

Unten angekommen, sah Anne gar nicht erst nach, ob noch etwas vom Geschirr zu retten war. Sie nahm die Tischdecke an allen vier Ecken auf und warf  das so entstandene Bündel klirrend in die graue Tonne. Die umliegenden Reste schaffte sie auf der Kehrschaufel weg.

Markus war in die Küche gegangen und hatte zwei große Cognacgläser gefüllt. Er brachte eins und reichte es Anne wortlos.

Mit schwerem Kopf wachte Anne am nächsten Morgen auf. Sie sah nach links, doch das Bett war leer.

„Oh, Gott“, murmelte Anne: „Schon acht Uhr.“

Markus war längst im Büro. Das Aufstehen fiel ihr schwer, aber nicht wegen des Alkohols von gestern, sondern vor Traurigkeit. Am liebsten wäre sie liegen geblieben.

Sie schlich in die Küche und brühte sich einen starken Kaffee. Auf dem Tisch lag ein Zettel.

Markus hatte geschrieben: Das darf nie wieder vorkommen!!!

Ich habe Mutter heute früh auf ihr Bett gelegt. Sie lag auf dem Boden, als ich hoch kam. Ich liebe dich, Markus.

Anne blieb sitzen, sie empfand nichts, kein Mitleid, keine Reue, alles war leer. Sie ging ins Bad, duschte ausgiebig, cremte sich und legte sorgfältig make up auf.

 

 

 

Dann fuhr sie in die Stadt, schlenderte durch die Kaufhäuser und besuchte Marie in der Töpferei.

„Anne, wie schön. Ich freue mich! Lass mich raten? Deine aufopferungsvolle Schwester Betty ist wirklich mal gekommen. Prima! Komm, ich zeige dir, was ich in letzter Zeit gemacht habe.“  Anne nickte.

„Ich kann nicht lange bleiben“, entgegnete sie: „Ich habe noch einen Frisörtermin.“ Marie hatte eine neue Serie Schüsseln und Kindertassen entworfen.

Auf den Henkeln der Kindertassen tanzten jeweils ein Insekt oder ein Frosch oder eine Schnecke. Annes Ideen hatte Marie verwirklicht. Sie freute sich und hätte am liebsten gleich in den Ton gegriffen.

Marie war die Chefin und hatte Textiles Gestalten studiert, das Töpfern gehörte zur Ausbildung. Als Annes Jüngster aufs Gymnasium kam, schlug Marie vor, doch mit ihr eine kleine Töpferei mit Verkauf aufzumachen.

„Deine Frau hat Talent und Ideen“, sagte sie zu Markus: „Es kostet erst mal keinen Pfennig. Ich wollte das sowieso schon immer und deswegen läuft alles auf mich. Anne braucht bloß Lust und Zeit mitbringen.“

Gesagt getan, mit 45 Jahren etwas Neues anfangen, das hatte Anne gefallen. In ihren alten Beruf  konnte sie nicht mehr, zu alt und keine freien Stellen.

Marie war zwei Jahre jünger als Anne und schon tüchtig grau geworden. Sie trug ihr Haar noch immer am Nacken zu einem dicken Knoten gebunden. Marie hatte schon lange Röcke und Leinenkleider getragen, als es nicht Mode war und ihr auf der Straße missbilligende Blicke hinterher geworfen wurden. Sie war höchstens eins sechzig und ein bisschen pummelig. Anne setzte sich auf einen Schemel vor eine Drehscheibe und fühlte sich frei und glücklich. Sie besprachen noch die Farben und Glasur, dann ging Anne.

Sie ging in einen Frisiersalon, der ohne Termine arbeitete und war nach einer Stunde schon fertig.

In einem Delikatessengeschäft kaufte sie Leckeres zum Abendbrot und war kurz vor fünf Uhr wieder zu Hause.

 

Markus kam viertel vor sieben. Der Tisch war festlich gedeckt, Wein kalt gestellt und sie hatte ein neues Kleid an.

„Du brauchst heute nicht zu Mutter hoch, sie schläft schon“, rief Anne fröhlich,

 

 

 

„Bitte lass uns nicht von gestern sprechen. Mit diesem Abend decken wir alles zu und fangen noch mal von vorn an. Ich musste tatsächlich nur einmal raus.

Stell dir vor, Marie war heute früh hier und hat mich förmlich zum Frisör gejagt. Das ist eben eine echte Freundin!“

„Macht sie vormittags nicht immer ihren Laden auf?“

„Ja, ja, aber heute hatte sie ihn für mich geschlossen.“

Es war ein schöner Abend, wie lange nicht mehr. Anne trank viel vom Wein und später nahmen sie sich viel Zeit füreinander.

Sie ließ sich von seinen Zärtlichkeiten verwöhnen und ihre Haut fühlte sich unter seinen Händen so glatt an, als ob ein kostbares Seidentuch über sie gleiten würde.

Dabei war sie „bei Lichte besehen“, wie sie immer sagte, schon lange nicht mehr glatt. Sie gehörte zu den Frauen, die im Alter feinknitterig wurden. Keine großen Querfalten am Hals, aber überall feine kleine Linien, die ein großes zartes Netz bildeten.

Anne war immer ein bisschen rundlich, nie so schön schlank, wie die Berben. Sie hatte noch immer dunkles Haar und ausdrucksvolle Augen.

Zum zweiten Mal an diesem Tag fühlte sie sich frei und glücklich. Sie schlief  mit dem Kopf auf Markus Brust ein, so wie früher.

 

Am nächsten Morgen stand sie mit Markus auf und frühstückte mit ihm.

„Warum so zeitig, du kannst doch noch eine halbe Stunde liegen bleiben.“

„Da siehst du mal, was so ein freier Tag für einen Elan bringt. Ich fühle mich wohl und munter.“

Als sie die Haustür hinter ihm schloss, lehnte sie sich mit dem Rücken an die Tür, alle Heiterkeit war verflogen. Es kam ihr vor, als müsste sie in eine dunkle Gruft gehen.

Anne schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf.

Was hatte sie getan? Seit Sonntagabend hatte sie sich nicht um Mutter gekümmert und sie hatte Markus belogen. Heute war Dienstag.

Sie ging in die Küche, setzte sich und starrte vor sich hin. Sie wusste, sie muss nach oben.

Anne befiel Panik, ihr grauste davor, was sie wohl vorfinden würde. Vielleicht war Mutter tot.

Angst lähmte sie und hielt sie auf dem Stuhl, als wäre Klebstoff darauf.

 

 

 

So war sie doch nicht, so grausam. Nein, das war ein Ausrutscher nach all der Anspannung. Markus hatte Recht, das darf nie wieder vorkommen.

Plötzlich erfüllte sie ein warmes Gefühl, fast wie in Kindertagen.

Eine schöne Kindheit hatten ihre Geschwister und sie gehabt, geborgen, Mutter und Vater waren immer für sie da. Nie gab es Schläge.

In den Teenagerjahren hatte Mutter viel Verständnis für ihre Launen und Eskapaden. Sie hatte ihr erzählt, wie schwer sie es selbst mit Großmutter gehabt hatte.

Das mit dem Abi, ach das war sicher nur Mutters Sorge, dass Anne sich hängen lässt.

„Wenn man seine Fähigkeiten nicht gebraucht, verlernt man sie zu gebrauchen.

Dann wirst du träge, Kind. Versteh doch, wir meinen es gut mit dir. Du sollst dich nicht gehen lassen.“ Vater hatte es zu ihr gesagt.

Wie Vater zu ihr sprach, das konnte Anne akzeptieren, aber Mutter mit der Klofrau? Ach, Mutter war eben die Starke in der Familie. Na und, war das so schlecht?

Markus hatte ihr gleich gefallen. „Mit dem wirst du glücklich, Kind“, hatte sie gesagt:

„Vor allem, er wird dich auf Trab halten. Der ist genau der Richtige für dich.“

Lange blieb sie in Erinnerungen versunken. Sie dachte an ihre erste fünf in der Schule und an eine gefälschte Unterschrift, ach da hatte Mutter fantastisch reagiert.

 

Ihr war kalt und sie war wieder in der Wirklichkeit angekommen. Sofort begann ihr Herz zu klopfen, so dass sie jeden Schlag schmerzhaft bis zum Hals spürte.

Sie ging in den Flur und blieb am unteren Treppenabsatz stehen.

Sie horchte angespannt, konnte jedoch kein Geräusch von oben vernehmen. Eine Treppe nach oben führt angeblich immer ins Licht, dachte sie.

Diese Treppe führte Stufe für Stufe in die Angst.

Achtzehn Angststufen summierten sich zu großer Angst, große Angst zur Panik. Und Anne musste die Stufen steigen, nicht Nora, nicht Betty.

Sie setzte den Fuß auf die erste Stufe – was ist, wenn sie tot ist? Polizei, Verhaftung, Verurteilung!

Zweite Stufe                 das Leben ist aus! Oh Gott, wenn doch alles rückgängig zu machen wäre!

Dritte Stufe                  Markus, die Jungs – seine Frau, ihre Mutter eine Mörderin!

Vierte Stufe        wenn sie nicht tot ist, aber verletzt, krank!

 

 

 

Anne blieb stehen, es war ihr unmöglich die nächste Stufe zu steigen. Alle Areale des Gehirns schienen auf Panik geschaltet zu sein, nicht mehr in der Lage, klare Anweisungen an die Füße zu geben. Dann, nach einigen quälenden Atemzügen, nahm sie die nächsten beiden Stufen.

Siebte Stufe                 wenn sie mich ansieht !

Zehnte Stufe                 wenn sie mich verachtet!

Zwölfte Stufe              wenn sie klar ist und Markus alles erzählt?

Sie begriff, was es bedeuteten würde, wenn es Markus erführe. Ob ihrer Gleichgültigkeit und ihres Egoismus, fühlte sie das schlechte Gewissen in der Mitte des Bauches fressen, als ob es dort seinen Sitz hätte.

Fünfzehnte Stufe         wenn noch alles zu retten ist, dann soll alles besser werden.

Achtzehnte Stufe        Mutter, verzeih mir!

Anne schluchzte, nie wieder, Mutter nie wieder werde ich dich im Stich lassen. Anne liefen Tränen über die Wangen und Speichel troff aus dem offenen Mund. Sie hatte sich nicht in der Gewalt.

Dennoch drückte sie die Türklinke herunter und machte einen Schritt ins Zimmer.

 

 

Es war hell und draußen schien die Sonne.

Sie lag angezogen auf dem Bett und starrte an die Zimmerdecke. Jemand wird kommen und ihr Essen und Trinken bringen.

Sie wartete.

Dann schlief sie ein.

Als sie wieder wach wurde, war es dunkel im Zimmer. Sie tastete an ihrem Körper herunter, sie hatte Rock und Bluse an und einen Schuh.

Irgendwo im Haus wurde gelacht und sie hörte Geschirr klappern.

Jemand wird kommen. Das ist die Stimme von Anne. Anne wird kommen und ihr Essen und Trinken bringen.

Sie wartete.

Dann schlief sie ein.

Als sie aufwachte war es still im Haus, niemand kam. Es war dunkel im Zimmer. Immer noch dunkel oder schon wieder? Sie wusste es nicht.

Durst! Sie hatte Durst!

 

 

 

Die Klingel, wo ist die Klingel? Sie tastete im Dunkeln auf ihrem Nachttisch, etwas fiel polternd zu Boden und rollte fort. Ihre Hand war nass und kalt.

Das war die Vase mit Bettys Rosen. Wasser! Durst!

Mühsam setzte sie sich auf und rutschte vom Bettrand herunter. Sie suchte mit den Händen nach der Vase und stach sich an den herumliegenden Rosen.

Da, da war etwas Hartes, die Vase. Nein, das war der andere Schuh. Sie schlief am Boden liegend ein.

Es war hell im Zimmer, als sie wach wurde. Die Vase lag dicht vor ihrem Gesicht, leer. Sie sah sich um, sie wusste nicht warum sie hier lag.

Sie versuchte auf das Bett zu kriechen, hatte aber keine Kraft dazu. Sie lehnte sich an das Bett und legte ihren Kopf an die Bettkante.

 

Anne schlug ein Gestank nach Kot und Urin entgegen.

Sie blieb stehen, schloss die Augen und dachte, das Schlimmste, das Schlimmste ist passiert. Ihre Knie zitterten, ein Brechreiz überkam sie und ihr Herz raste vor Angst.

Dann öffnete sie die Augen und sah die Vase, die Rosen und den einzelnen Schuh am Boden.

 

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