Gedankenspiel

 

Vor ein paar Monaten hatte er seinen Führerschein abgegeben. Nicht freiwillig! Sein Sohn hatte ihn massiv dazu gedrängt. Es wäre ohnehin an der Zeit, schließlich sähe man oft genug uralte Leute am Steuer, die nicht mehr wissen, was sie tun.

Sein Sohn saß am längeren Hebel. Er war einer von den nassforschen Typen und besuchte ihn ein bis zweimal im Jahr. Die monatliche Summe, welche sein Sohn überwies, ermöglichte ihm mit dem Grundeinkommen und den ihm zustehenden Unterstützungen, ein bescheidenes Leben.

 

Sein Dasein in der kleinen Zweizimmerwohnung hatte, seit dem Tod seiner Frau vor 15 Jahren, die Eintönigkeit des graubraunen Teppichbodens angenommen. Die Dekorationen auf der Anrichte und in den Fensterbrettern hatte er nie verändert.

Er bezog immer beiden Betten und ihr Morgenmantel, rosa Rosen auf hellgrauem Grund, hing nach wie vor am Haken im Bad.

Seit damals hatte ihn krankhafte Putzsucht befallen. Donnerstags war Waschtag und Bettwäschewechsel. Freitags staubsaugen, wischen, Fensterbretter feucht abwischen und staubwischen.

Samstags ging er kurz vor 14 Uhr auf den Markt, um die sinkenden Gemüsepreise zu nutzen. Am Nachmittag war die Küche dran.

Sonntags war er faul, sah den ganzen Tag fern. Um 20 Uhr saß er mit zwei Wurstschnitten und zwei Tomaten auf dem Sofa, um die Tagesschau zu sehen. Das graubraune Wochenprogramm fand den Höhepunkt im sonntäglichen Tatort.

Die Nachbarn wechselten häufig und er hatte sich abgewöhnt, zu grüßen oder sich deren Namen zu merken.

Er lebte sein Leben, war zufrieden und durchaus nicht verbittert. Doch der weltfremde, verschrobene Eindruck den er machte, täuschte.

Er beobachtet auf der Straße, wie laut viele junge Menschen grölten und breit die Bürgersteige einnahmen. Er sah die Alten, wie sie ihrer Wege schlurften, froh nicht angerempelt zu werden. In der Hoffnung nicht wahrgenommen zu werden, sahen sie Entgegenkommende nicht an.

Jedoch die Menschen missfielen ihm am meisten, die mit gesenkten Köpfen auf ihre iPhones sahen und das ganze Geschehen um sie herum nicht wahrnahmen. Sie erschienen ihm wie Roboter.

Natürlich, dachte er, sie scheinen informiert zu sein. Bildung, was immer jemanden interessierte, war in Sekundenschnelle lesbar. Während sie durch die Straßen ihrer Stadt gehen, wissen sie genau, was in Amerika oder sonstwo auf der Welt los ist. Trotzdem irgendwie abgeschaltet vom richtigen Leben.

Diese Möglichkeit der Bildung verlockte, sich selbst so ein Ding, wie er es bezeichnete, anzuschaffen.

Er saß früher gern in Cafés, versagte es sich jedoch bald aus der Erfahrung, dass er sich bei Kaffee und Kuchen einsam an den Tischen fühlte. Einsamkeit tat weh, sehr weh.

Zeitungen oder ein Buch müsste er immer bei sich haben und beides wäre oft hinderlich. Aber so ein  Ding ist klein und praktisch.

 

Nachdem er einige Wochen damit zugebracht hatte sich beraten zulassen und Verkäufer mit Fragen zu traktieren, saß er mit iPhone nun öfter wieder im Café und daddelte genauso herum, wie alle anderen. Er wusste alles, was man mit dem iPhone machen konnte und er hatte Routine und Schnelligkeit entwickelt, die ihm vom Kellner, einem jungen Mann, bereits Respekt abgenötigt hatte.

Er freute sich über neueste Ergebnisse in Archäologie und in der Raumfahrt. Er informierte sich über Geschichte und Kunst. Es hatte ihn ein regelrechts Fieber gepackt, auch am Abend empfand er die Möglichkeiten des weltweiten Netzes interessanter, als fernsehen.

Er dachte all die Leute, die sich auf der Straße, im Restaurant und im Bus ihrer iPhones bedienten, seien bildungshungrig.

Seine frühere Meinung, dass sich die meisten Menschen geistig auf einem einfachen Niveau  bewegen, glaubte er revidieren zu müssen.

Nach und nach allerdings fand er heraus, dass es nur sehr wenige Leute gab, welche die Bildungsmöglichkeiten des Internets nutzten. Es wurden Spiele gespielt, die zwar Schnelligkeit erforderten, aber geistig auf immer gleichem Niveau blieben. Andere wieder terrorisierten die Mitreisenden in Zügen und Bussen mit lauten Gesprächen, die oft dümmlichen Inhalts und außerordentlich störend waren.

Durch einen Zufall konnte er die Korrespondenz eines im Café liegengebliebenen iPhones lesen und sein Entsetzen über das Thema und die fehlerhafte Orthographie beider Schreiber warf ihn auf die frühere Einschätzung des Intellekts seiner Mitmenschen zurück.

Wieviel, so dachte er, gäbe es auf der Welt zu tun. Was aber taten gerade die, deren Zukunft von jetzigem klugem Tun abhing?

Nichts. Dümmliche Roboter, hörig irgendwelchen Singerei-Sendungen, Modecastings und albernen Kochsendungen. Sie begreifen nicht, dass Insekten keine Feinde und dass Mitgeschöpfe endlich als fühlende Wesen zu behandeln sind. Diese Menschen sind der Verderb der Natur.

 

Von seinen neuen Fähigkeiten ahnte niemand etwas. Man ordnete ihn weiterhin als verschrobenen Eigenbrötler ein. Ein alter Mann der vom modernen Leben nichts weiß.

 

So unauffällig wie er äußerlich erschien, so unauffällig informierte er sich und fand, was er gesucht hatte. Die Anleitung zum Bombenbau. Die Zutaten waren unauffällig zu beschaffen.

Er fing an die Situation für eine günstige Gelegenheit zu sondieren. Ein Zufall half ihm auf die Sprünge.

Eines Tages, er saß ganz hinten im Bus und sah sich die Mitfahrenden an. Ausnahmslos alle saßen mit gesenkten Köpfen und lasen oder spielten auf ihrem iPhone. Der Bus war voll und er dachte bei sich, so könnte man die Welt auf einmal von 25 dummen, ignoranten Menschen befreien.

Aber wie, wenn einer, nur einer dabei wäre, der so wie er an informativen und wichtigen Dingen interessiert ist? Wenn dieser eine befähigt ist, die Welt zu ändern. Wenn dieser eine gerade mit Gleichgesinnten korrespondiert.

Dann würde ein Hoffnungsträger, den die Welt so nötig hat, getötet.

Er fuhr bis zur Endstation, unfähig die Ein- und Aussteigenden nach seinen bisherigen Maßstäben zu beurteilen.

 

Musste er so alt werden für die Erkenntnis, dass er die Menschen nicht einfach in die Schubladen seiner arroganten Gedanken stecken kann?

Von diesem Tag an sah er auch seine Welt mit anderen Augen.

Hatte er jemals gefragt, ob es für den Sohn leicht war, ihn finanziell zu unterstützen?

Er wählte die bekannte Nummer und während er auf die Stimme am anderen Ende der Leitung wartete, war er froh, dass alles nur ein Gedankenspiel gewesen war.

 

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