Geld

 

Aus dem Nebel formte sich eine Figur, die sie beim Näherkommen als einen Mann erkannte, dessen Konturen grau blieben.

Als sie aufwachte wurde ihr bewusst, dass sie in ihrem

Bett lag und das Zimmer im gleichen Morgengrau erschien, wie diese Figur.

Der Traum, der oft die Nacht beendete, führte sie an den Anfang ihrer Geschichte.

 

An einem ganz normalen Tag suchte sie im Schreibtisch ihres Mannes nach dem Brieföffner. Auf der Schreibtischplatte, wo er sonst in einer schwarzen

Marmorablage lag, war er nicht. In der mittleren Schublade auch nicht und so ging sie Fach für Fach, Schublade für Schublade durch.

In der linken mittleren Lade lag ein rechteckiges dickes Päckchen. Das Papier war vergilbt.

In allen anderen Fächern lagen Ordner und etwas Briefpapier und ein kleiner Schlüssel. Ein gewohntes Bild. Dieses Päckchen jedoch nicht.

Sie drehte und wendete das Paket. Es war gut verklebt und deswegen griff sie zu dem uralten Trick den Klebstoff vorsichtig mit Wasserdampf zu lösen.

Behutsam öffnete sie die Klebeseite und im gleichen Moment erkannte sie den Inhalt.

Geld! Sehr viel Geld!

Wieviel konnte sie nicht schätzen. Der Anblick von Geld auf einem Haufen gebündelt, war ihr noch nie vergönnt gewesen.

Das höchste waren 2000 Euro in Hunderten und das ergab geschätzt nur ein halben Zentimeter oder war es weniger?

Sie maß die Dicke des Bündels und kam auf 18cm. Es waren alles 500 Euroscheine.

Das war nicht möglich! Das war einfach nicht möglich! Warum, wieso lagerten im Schreibtisch Tausende, Zehntausende oder mehr Euro?

Ein 18cm dickes Päckchen in fünfhundert Euroscheinen und, wie sie in der Hand abschätzte wog es mindestens ein Pfund. Sie legte das Bündel

auf die Küchenwaage. 2020 Gramm zeigte die Nadel der Waage. Noch einmal! Wieder 2020 Gramm!

Zählen, sie musste zählen. Nach einer halben Stunde gab sie auf. Es musste anders zu ermitteln sein.

Internet! Da fand man alles. Und sie fand, dass 1 Million Euro in 500 Euroscheinen 2,24 kg wiegt.

Sie bekam einen hysterischen Lachkrampf. Sie lachte und lachte und drehte sich in der Küche um die eigene Achse. Nein, das konnte sie nicht fassen.

Nachdem sie sich beruhigt hatte, maß und wog sie den Stapel nochmals. Grob überschlagen kam sie tatsächlich auf rund eine Million. Plus oder minus,

darauf kam es ja gar nicht an.

Es klingelte an der Haustür. Sie schloss die Küchentür und öffnete mit rasendem Herzklopfen. Nur der Postbote. Schnell erledigt und dann zurück in die Küche.

Nachdem sie alles sorgfältig verpackt und wieder im Schreibtisch verstaut hatte, kam sie zu Fragen und Überlegungen.

Woher kam das Geld? Wem gehörte das Geld? Warum war es hier gelagert und zu welchem Zweck?

 

Ihr Mann war Schriftsteller und befand sich offiziell in der Bretagne auf einer Recherchereise. Er hatte Erfolg, der neue Roman um seine Helden

Georges Arbre Blanc würde sein achter in Folge sein. Arbre Blanc war keiner der Kriminalkommissare die man in dutzenden anderen Romanen findet.

Der Held dieser Reihe war ein Geldwäscher und Hochstapler. Er konnte nicht gefasst werden, weil niemand vermutete, dass sich dahinter einer der

wichtigen Minister des Landes versteckte.

Die Romane erschienen in großer Auflage und in sechs Sprachen. Ein Filmprojekt wurde angestrebt.

Unter Geldmangel litten sie nicht. Die Tantiemen flossen nur so auf ihr gemeinsames Konto.

 

Sie nahm sich vor zunächst zu beobachten, ob ihr Mann nach seiner Rückkehr das Geldpaket anrührte oder nicht.

Schade wäre allerdings, wenn sie entdecken würde, dass er es eines Tages mitgenommen hätte.

Also ging sie wieder zum Schreibtisch, öffnete es mit dem gleichen Verfahren wie zuvor und nahm einen nicht gerade unbeträchtlichen Betrag heraus.

Die Dicke des Paketes war um einen halben Zentimeter geschrumpft. In der Hand hielt sie 25.000 Euro!

Wollte sie sich öfter bedienen, würde das Aufdampfen das Papier immer welliger werden lassen, was durch Bügeln nicht unsichtbar zu machen wäre.

Ein Dilemma, denn es kam ihr der geniale Gedanke, sich einen Abhaufond zu schaffen.

 

Abhaufond, ein wunderbares Wort. Seit Jahren dachte sie darüber nach, wie sie aus ihrer Ehehölle fliehen könnte.

Das gemeinsame Konto war sein Aushängeschild, sich als toleranten liebenswürdigen Ehemann darzustellen. Er erwähnte nur zu gern,

dass sie beide größtes Vertrauen zueinander hätten und sie jederzeit jeden Betrag abheben könnte.

Nichts davon entsprach den Tatsachen. Tatsache war, dass er seinen Helden Arbre Blanc nicht erfand.

Er war Arbre Blanc!

Einzig, dass sein Held Minister und nicht Schriftsteller war, entsprang seiner Fantasie.

Niemand ahnte, dass er das Privatleben seines Monsieur Arbre Blanc lebte und erst dann zu Papier brachte.

Die Reise in die Bretagne war für die Presse gedacht: „Wie wird Arbre Blanc den Ermittlungsbehörden entkommen, wie werden

Sie Ihre Recherchen im nächsten Roman verwenden?“ Der smarte Autor wurde nur zu gern interviewt.

Auch sie war einmal auf seinen Charme hereingefallen.

Vor acht Jahren hatte sie gewagt eine größere Rechnung in einem Modesalon mit ihrer Kreditkarte zu zahlen. Lächerlich die Summe von

1800 Euro im Vergleich zu der Höhe des Kontos, welches sich schon damals in den Hunderttausenden befand.

Diesen Ausflug in die Modewelt bezahlte sie mit der Demonstration seiner Macht in einer nicht enden wollenden Nacht.

 

Er wollte zehn Tage bleiben, sechs waren schon vergangen. Blieben ihr vier, um sich einen Plan zu machen, wie sie mit dem Fund verfahren könnte.

Manchmal kam er von solchen Reisen auch eher zurück, um ihr zu zeigen, dass sie keineswegs aufatmen konnte, wenn er abfuhr.

Einmal kam er nach vier Stunden zurück. Er zerrte sie aus der Badewanne, wobei sie auf den Fliesen aufschlug und sich ein Handgelenk brach.

Ob sie dächte, sie könne faul in der Wanne liegen und ob es nicht genug im Haus zu tun gäbe.

Sie war immer auf der Hut. Nicht auszudenken, wenn an der Tür nicht der Postbote gewesen wäre.

Die dringlichsten Fragen waren, wo die 25.000 verstecken und wie an weiteres Geld aus diesem Päckchen kommen? Ersteres war schnell geklärt.

Sie versteckte das Geld in einer Plastiktüte weit unten im Waschpulverkarton. Der zweite Teil der Frage war vorerst nicht zu beantworten.

Sie hatte Glück. Er kam tatsächlich erst am zehnten Tag zurück und brachte einen Mann mit, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Die Männer zogen sich nach dem Abendessen ins Arbeitszimmer zurück. Sie richtete das Gästezimmer für eine Nacht.

Am nächsten Morgen verließen beide das Haus ohne frühstücken zu wollen und ohne irgendeine Erklärung.

Als sie sicher war, dass die Männer abgefahren waren, eilte sie zum Schreibtisch und sah nach dem Päckchen. Es war noch da.

Vier Wochen vergingen ohne eine Veränderung am Päckchen.

Sie bemühte sich ihm alles recht zu machen und biss die Zähne zusammen bei seinen Schikanen. So gut es ging hielt sie ihn bei Laune.

Ob er Georges Arbre Blanc in Geldgeschäfte verwickeln will? Schließlich war Monsieur le ministre ein Betrüger und Hochstapler.

Den Geldwäscher hatte der grandiose Autor im richtigen Leben bislang zu kurz kommen lassen. Eine neue Seite des Arbre Blanc,

die ihr Mann nur eins zu eins zu  Papier bringen musste.

In seinem Manuskript zu lesen, war nie möglich. Allein um nicht zu wissen, was ihr von Arbre Blanc für Gemeinheiten bevorstehen, ließ er einen Blick von ihr nicht zu.

 

Ein halbes Jahr war vergangen, ehe Bewegung in die Päckchen kam.

Er war häufig in Bulgarien gewesen, was ein völlig neues Terrain bezüglich seines Romans war. Ein Verbot mit irgendjemandem über sein

Reiseziel zu sprechen verstand sich von selbst. Prophylaktisch zur Warnung, wie er sagte, wandte er die üblichen Schläge und sexuellen Praktiken an,

ohne Spuren zu hinterlassen.

Der neue Roman würde die Sensation. Nicht ein Fünkchen dürfe zu früh an die Presse. Auch seinem Verlag gegenüber machte er nur Andeutungen.

Offiziell wurde verkündet, dass die Recherchen in Frankreich umfassender seien und die Leser dürften gespannt sein auf einen ganz neuen Georges Arbre Blanc.

Zweimal kam er mit diesem Fremden und einem Begleiter mit fremdländischen Akzent nach Hause.

Solch einen Aufwand hatte er noch nie betrieben. Sie war sicher, dass die Bulgarienreisen und die Besuche etwas mit dem illegalen Geld zu tun hatten.

Sie blieben 4 Tage, verschanzten sich in seinem Arbeitszimmer und wurden in der vierten Nacht um drei Uhr früh von einem dunklen Wagen abgeholt.

Sie untersuchte den Schreibtisch und kam in euphorische Stimmung beim Anblick von zwei Paketen. Der kleine Schlüssel war weg.

Die Männer hatten einen Flug nach Sofia gebucht, sodass sie angstfrei vor Entdeckung die Wasserdampfmethode anwenden konnte.

Ohne Skrupel entnahm sie diesem Paket eine Summe von 32.000 Euro und verstaute sie in ihrem Waschpulverversteck.

Über die Herkunft des Geldes dachte sie in alle Richtungen, ohne auch nur die geringste Spur zu finden. Es war auf jeden Fall schmutziges Geld.

Ein angenehmeres Grübeln verschaffte ihr der Gedanke an den Abhaufond.

57.000, damit ließe sich etwas anfangen. Warum hatte sie die 60.000 nicht vollgemacht? Um spurlos zu verschwinden war es zu wenig.

Möglich, dass die Geldpakete nicht ihm gehörten und er nur vorrübergehend das Depot zu stellen hatte.

Wie sie es auch drehte, wenn er das Geld abliefern musste oder er es selbst zählte war sie verloren. Seine Rache wäre totbringend.

Eine Frage ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Besonders nach dem zweiten Fund. Warum versteckte er das Geld nicht. Sie konnte jederzeit an den

unverschlossenen Schreibtisch.

Eine Falle!

Er wusste schon längst, dass sie an den Paketen gewesen war, hatte vielleicht ein unsichtbares Zeichen daran.

Oder seine Logik war – der geheimste Ort ist unter der Laterne. Bei einer Hausdurchsuchung wäre plausibel, sein Bargelddepot aus Lesungen.

Sie konnte nichts tun als abzuwarten.

 

Das Warten dauerte wieder ein halbes Jahr, ehe er zurückkam.

Sie erlauschte ein Telefonat von ihm. Er könne jetzt loslegen, verkündete er. Er hätte alles gesehen, um authentisch zu schreiben.

Original, Original hörte sie ihn schreien.

Was auch immer Original bedeutete, es klang in ihren Ohren bedrohlich.

Sie hatte keine Möglichkeit im Schreibtisch nachzusehen, ob er wieder etwas mitgebracht hatte.

Tagelang saß er im Arbeitszimmer und hämmerte wie besessen in die Tastatur des Computers.

Um einen Blick zu erhaschen, brachte sie ihm Kaffee während er auf der Toilette war. Sie stand mit dem Tablett vor dem Schreibtisch, als er leise hinter sie trat.

Neugier stünde ihr nicht und das sollte sie gar nicht erst anfangen. Dann schlug er so heftig und unversehens von unten gegen das Tablett,

dass Tasse, Zucker, Milch in hohem Bogen auf dem Teppich landeten. Er fasste sie grob im Nacken, wie einen jungen Hund und zwang sie auf die Knie.

Sie wartete auf Schläge. Aber stattdessen sagte er nur, dass „Monsieur“ ihr bald zeigen würde, was da stünde.

Unter seinen Augen reinigte sie kriechend den Teppich.

Am Abend ein weiteres Telefonat. Sie vermutete mit dem Bulgaren oder dem anderen Mann. Er klang amüsiert, meinte laufend, gut –das sei perfekt!

Sehr abgelegen! Ideal!

Dann war es ruhig, offenbar hörte er zu.

Kein Problem donnerte seine Stimme nach einer Weile in den Hörer. Für diese Sache habe er das ideale Objekt.

Wann? Ja natürlich, das klappt. Er brächte sie mit.

 

In dieser Nacht bekam sie kein Auge zu. Ab und zu überfiel sie ein  Schlottern und Zähneklappern.

Er hatte sich, wahrscheinlich in Vorfreude auf sein Projekt betrunken. Tief schlafend schnarchte er neben ihr.

So leise sie konnte stand sie auf, schlich in die Waschküche, holte das Geld und eine vorbereitete Tasche mit ihrem Reisepass und anderen

Notwendigkeiten. Dann stieg sie mit weit geöffneten Augen und Ohren nach oben.

Das Schwerste kam zuletzt. Jedes noch so leise Geräusch, welches beim Öffnen des Schreibtischs zu vernehmen war, ließ sie zusammenschrecken.

 

Am Flughafen nahm sie einen Platz in der nächsten Inlandsmaschine die abflog. Dort angekommen buchte sie den nächstmöglichen Inlandsflug

und danach den nächsten. So hatte sie drei Stationen hinter sich, als es vier Uhr nachmittags des nächsten Tages war.

Sie fuhr mit der Bahn in eine Kleinstadt, von dort mit dem Taxi in die nächste Stadt mit Bahnanschluss. Hier kaufte sie eine Fahrkarte zu einem sehr weit

entfernten Ort mit mehrmaligem Umsteigen. Darüber war die Nacht vergangen und der nächste Tag.

In einem einfachen Hotel nahm sie für vier Nächte ein Zimmer und bezahlte im Voraus, blieb jedoch nur eine.

Sie stellte sich seine maßlose Wut vor beim Entdecken ihrer Flucht und noch gewaltiger beim Fehlen der Geldpakete.

Am Morgen fuhr sie in Richtung Osten über die Landesgrenze, blieb dort drei Tage und buchte in der Landeshauptstadt einen Flug nach Schweden.

In Stockholm hatte sie ihre Idee, das Geld unsichtbar zu machen, in die Tat umgesetzt und war ohne Entdeckung in Südamerika gelandet.

 

Ein Jahr später kam der bald weltweit auf den Bestsellerlisten stehende neue Roman von ihm heraus. Die Presse überschlug sich in Superlativen.

Eine australische Kulturzeitung verstieg sich in dem Lob, dass das Verbrechen des Arbre Blanc so geschildert worden sei, als hätte es der Autor selbst erlebt.

Das sei eben wahre Schriftstellerkunst. Ein Wortakrobat sondergleichen.

Monsieur Georges Arbre Blanc war an der Herstellung von Snuffs beteiligt, „lieferte“ die Opfer und kassierte Unmengen von Geld.

Auch dieser Band endete wieder mit dem Davonkommen des Protagonisten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben