Homunculus

 

Professor Hans Hinrich Kölling ging bereits seit einer Viertelstunde ungeduldig vor seinem Haus auf und ab. Das Taxi kam pünktlich um fünf Uhr, zur bestellten Zeit.

Er nahm auf dem Beifahrersitz Platz und behielt seine Aktentasche auf dem Schoß.

Kölling grüßte mit einem Nicken, welches freundlich erwidert wurde.

Nach einer Weile begann er ein Gespräch und bemerkte nun, dass der Fahrer stumm war. Kölling wunderte sich, dass er in diesem Beruf arbeitete, ohne mit den Kunden sprechen zu können. Doch das ging gut. Zeichensprache gut trainiert, versteht jeder einigermaßen aufmerksame Mitmensch.

Der Fahrer bedeutete Kölling, dass die Fahrt nach Berlin mehr als 3 Stunden dauere und ziemlich teuer werden wird.

Sei`s drum, er wüsste das, Hauptsache er käme nicht zu spät zum Neurobiologischen Kongress in die Charité.

Kölling war Neurobiologe und ein geschätzter Kollege, der in der Hirnforschung einen Namen hatte. Man witzelte, dass er gelegentlich zerstreut wirkte und seine Themen mitunter etwas weitschweifig verfasst waren.

Da es noch dunkel war und mit dem Fahrer kein Gespräch zustande kommen konnte, legte Kölling seinen Kopf auf die verschränkten Arme, die auf der Aktentasche ruhten.

Die unbequeme Lage verursachte, unterstützt vom Motorengeräusch und den Bewegungen des Wagens, einen unruhigen Halbschlaf.

Kölling sah sich einer kleinen nackten Gestalt gegenüber, die ein fratzenhaftes Babygesicht hatte. Ein Skelett, dünn mit Haut überzogen und es lachte ihn stumm an.

Hochschreckend, sah er den Taxifahrer an, der klein und verdorrt mit einem faltigen Babygesicht am Steuer saß.

Ein Homunculus, dachte der Neurobiologe. Das war nicht möglich. Diese kleinen Menschlein existieren nicht. Sie waren Ergebnisse uralter alchemistischer Forschungen.

Philosophen postulieren ihn als Reizwahrnehmer, der sich die Bilder der Netzhaut anschaut,  bevor sie vom Gehirn umgesetzt werden. Allerdings als einen immateriellen Homunculus.

Und die Neuroanatomie kennt zwei Homunculi, welche die Körperteile auf den Gehirnarealen verortet. Ein Modell zur besseren Veranschaulichung der unterschiedlichen Größenzuordnung der einzelnen Organe auf dem Kortex.

Alles nur eine Namensgebung in der Forschung, um sich zu verständigen und um weiterhin die Geheimnisse des Gehirns zu enträtseln.

Nur die Verwendung des Wortes aus dem Mittelalter! Theorie, alles Theorie!

Wieder sah Kölling zur Seite. Immer noch saß der Prototyp eines Homunculusmodells neben ihm.

Es gibt keine Homunculi! Es gibt keinen realen Homunculus des einzelnen Menschen.

Ja, in der frühen Wissenschaft, das Unerklärliche zu benennen und in der Literatur.

In der Vorstellung eines Homunculus des wachsenden Golems, eines Androiden oder einer Fantasie des Dr. Frankenstein.

Was für ein Albtraum dachte Kölling, strich sich über die Augen und sah den Taxifahrer an. Der nickte ihm freundlich zu und bedeutete, dass sie in einer

Stunde in der Charité seien.

Angekommen, bezahlte er den Fahrer, nahm seine Tasche, schlug die Wagentür zu und wollte dem Fahrer noch einmal  zuwinken. Wieder sah er ein faltiges

kleines Schreckensmännlein, welches ihn angrinste.

Zurückschreckend stürzte er beinahe auf die Fahrbahn. Er hörte wie jemand rief: „Idiot, kannste nicht aufpassen?“

Kölling schuldete die Bilder der  Übermüdung. Ein Kaffee würde guttun und dann wollte er sich noch einmal seinen Vortrag vornehmen.

Um 11 Uhr war der Hörsaal in der Pathologie der Charité brechend voll. Ein Vortrag von Professor Kölling aus Hannover versprach der Fachwelt

spannende Neuigkeiten.

Kölling hatte seine Papiere sorgfältig auf das Pult gelegt und begann:

„Wir alle wissen, dass ein Klon, vor allem ein menschlicher Klon nichts anderes ist als der Homunculus des jeweiligen Forschers!“

Er fuhr fort über die verschiedenen historischen  Homunculustheorien zu sprechen, über Paracelsus und andere Großen aus der Medizin, die diese Theorie vom Menschlein im Menschen für wahr hielten.

Gemurmel im Hörsaal verriet, dass man hoffte, Kölling führe sein Thema: „Wirklichkeit und Wahrnehmung“ nicht zu langwierig aus.

Dann referierte er über den Unterschied zwischen Homunculus und Robot:

„Der Entwickler eines Roboters weiß, was er konstruiert und dadurch hat er Grenzen gesetzt.“

So weit, so gut.

Nun verstrickte er sich in abstrakten Vorstellungen über Homunculi: „Ob der Entwickler seinen Homunculus nicht auf den Robot, äh.

Oder ob der Robot nicht einen eigenen Homunkulus entwickeln könnte und ähm – und dadurch alles aus den Fugen gerate?“

Die Kollegen hörten zusammenhanglose Sätze. Kölling verfehlte sein Thema völlig.  Er schwitzte, gestikulierte und schaffte es dennoch das erste

Bild seines Vortrages zu zeigen.

Für ihn sichtbar erschien auf der Projektionswand der historische Homunculus im Glas und hüpfte darin wild auf und ab.

Kölling war entsetzt, strich sich über die schweißnasse Stirn. Wie kam das Bild in den Projektor? Was redete er da? Das war nicht sein Vortrag.

Er suchte hektisch in seinen Aufzeichnungen und sah seitenweise, sich wiederholend nur das Wort: Homunculus.

Fahrig fuhr er fort mit den Worten Goethes aus Faust II, die ihm wie von selbst in den Sinn kamen:

„Es leuchtet! Seht! – Nun lässt sich wirklich hoffen,

dass, wenn wir aus vielen hundert Stoffen

durch Mischung – denn auf Mischung kommt es an –

den Menschenstoff gemächlich componiren,

in einem Kolben verlutiren

und ihn gehörig cohobiren,

so ist das Werk im Stillen abgethan.

Es wird! Die Masse regt sich klarer!

Die Überzeugung wahrer, wahrer!

Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,

das wagen wir verständig zu probiren

und was sie sonst organisieren ließ,

das lassen wir krystallisieren.“

Im Hörsaal war es still geworden, dann hörte man dass Kölling hinter dem Pult zu Boden fiel.

Ein Jahr später lag er noch immer in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie  der Charité. Hinter jedem Mitpatienten, Arzt und Pflegepersonal sah er den jeweiligen hässlich verdorrten

Homunculus. Er hielt gestikulierend Vorträge und sprach mit seinem Homunculus inzwischen in versöhnlich freundschaftlichem Ton.

Nach zwei Jahren besuchte ihn seine Frau ein letztes Mal, die seinen Anblick nicht mehr ertragen konnte. Trotz guter Pflege und allen menschenmöglichen Therapien magerte er ab, die Haut erschien bräunlich, dünn und faltig.

Man musste sich eingestehen, dass er nicht gesunden würde.

Nach drei Jahren fand man ihn eines Morgens tot in seinem Bett, der Figur des historischen Homunculus stark ähnelnd.

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