Mein Weg zu dir

 

Der dritte Satz des ersten Klavierkonzertes von Beethoven war verklungen, als sich nach Sekunden des Innehaltens tosender Beifall für den Solisten erhob.

Seit dem zweiten Satz der die verhaltene Melodie des Hauptthemas zart und ruhig wiedergibt, saßen wir Hand in Hand und waren am Ende noch immer verzaubert.

Mit dem Mann, auf den ich so lange gewartet hatte, dieses Konzert zu hören, das war das Glück. Wir gingen als letzte aus dem Saal und du gingst

hinter mir die lange Treppe hinunter.

Ich spürte über meiner linken Schulter einen Lufthauch, du sprachst Worte, die ich nur in Fragmenten verstand:

„Nie wieder wird eine Rose Rose sein, mürbe Blütenblätter flattern statt ihrer, welke Augenlider der Toten…“

Ich wollte mich zu dir umdrehen, aber plötzlich schwebte ich allein die Treppe hinab in eine große Dunkelheit.

 

Es dauerte einen Moment, ehe ich gewahr wurde, dass ich geträumt hatte. Es war dunkel im Zimmer, mein Herz hämmerte von innen gegen die Brust und ich weinte um dich.

Diese Art der Träume war mir vertraut, ich mochte sie nicht missen. Brachten sie dich so nah, dass ich glaubte dich berühren zu können.

Du fühltest dich so wahrhaftig an, ich konnte tagelang davon zehren.

Auf meinem Nachtschrank lag noch immer das Buch mit deinen Lieblingsgedichten.

Mit den Worten großer Dichter die, in ihrer Verliebtheit ins Morbide auf wunderbare Weise schmerzende und tröstende Gedichte geschrieben haben,

rufst du mich dir zu folgen.

Meine Gedanken wanderten in die Vergangenheit, ich durchlebte die Jahre mit dir.

Das Wort Glück drückt nicht aus, was wir fühlten. Liebe war also doch nicht nur ein Wort. Fern voneinander sich in Gedanken äußerst nah sein,

war möglich, war erlebter Gleichklang.

Schwere Tage waren die deiner Traurigkeiten.

Als ich einmal zu dir sagte, dass dein Herz manchmal schwer wie ein Stein sei, hast du geantwortet: „Das ist das Leben, das für mich bestimmt ist.

Ich werde zwischen den Ufern hin und hergerissen und eines Tages wird mich der tosende Fluss mitnehmen. Aber immer wenn es so ist,

hat es nichts mit dir zu tun. Dich liebe ich. Zu dir ist es Liebe über die Zeit und ich weiß, auch über Raum.“

 

Zum tausendsten Mal dachte ich an deine letzten Tage.

Ich umfasste dein starres, dennoch lebenswarmes Gesicht mit beiden Händen. Du hattest wieder an dir gezweifelt, hattest eine unerbittliche

Rückschau gehalten, die du nicht ertragen konntest. Und ich war nicht bei dir, Liebster.

Das war der erste Tag auf der Intensivstation, du warst an Schläuche und ein Beatmungsgerät angeschlossen, die helfen sollten, dich ins Leben

zurückzuholen.

Man sagte mir, dass alles getan wird, um das Gift aus deinem Körper zu schwemmen.

Ich erinnerte mich an deine Worte nach einem deiner schweren Kämpfe: „Ich zweifle nicht mehr an mir, ich weiß ich kann leben!

Die Verkrustungen auf meiner Seele werden rissig. Ich bin doch nicht so verschüttet, wie ich glaubte. Die Zukunft ist zu sehen,

ich muss die Jahre hinter mir nicht mehr ergründen. Du hast mich befreit, meine Gefährtin.“

In jenem Jahr verbrachten wir den Urlaub in Italien. Die mediterrane Leichtigkeit, das südliche Licht faszinierte.

Wir machten verrückte Dinge, hielten uns für unverwundbar. In Gedanken erlebte ich noch einmal, wie du die Küstenstraße halsbrecherisch

entlang fuhrst. „Uns kann nichts passieren, heute nicht, das weiß ich.“, riefst du mir lachend zu.

Wie sehr ich dich liebte.

 

Bereits um sieben Uhr früh war ich in der Klinik an deinem Bett. Immer noch wurde dein Blut über Schläuche durch eine Maschine gepumpt.

Hatten nicht eben deine Finger den Druck meiner Hand erwidert? War die Haut deiner Wangen nicht rosiger, als gestern? Das konnte ich mir

doch nicht einbilden.

Am Nachmittag sagte eine Schwester: „Ach, ich habe hier schon manchen wieder aufstehen sehen. Verzagen Sie nicht.“

Ich lächelte und klammerte mich an ihre Worte.

Am späten Abend ging ich im Regen nach Hause und dachte, morgen Liebster wird es besser sein.

In meiner Erinnerung waren wir auf einem Parkfest. Es wurden kleine Theaterszenen aufgeführt und in verschiedenen romantischen

Lauben des Parks klassische Musikstücke dargeboten.

Die  Krönung des Abends war ein buntes, nicht enden wollendes Feuerwerk. Du warst in euphorischer Stimmung:

„Ich werde wie neu sein, vertraut und neu zugleich. Du  wirst sehen, es geht atemberaubend  schnell. Ich kann leben. Frage nicht,

woher ich diese Zuversicht nehme. Ich nehme sie aus dem Bauch heraus, aus uns beiden und nirgendwo sonst her. Ist es nicht schön,

dass ich nicht so kaputt bin, wie zu befürchten war? Ich bin gar nicht mehr  einsam, denn du bist in mir und ich in dir.“

Solche Erklärungen machten mich sicher, dass du deine dunklen Tiefen immer weiter hinter dir lassen konntest.

 

Am nächsten Morgen war die Maschine mit den Schläuchen weg. Wie gut, die Entgiftung ist beendet, nun wirst du gesund.

Ein Arzt kam und bat mich in das Dienstzimmer. Erwartungsvoll sah ich in sein Gesicht.

„Wie Sie gesehen haben, haben wir die Entgiftung beendet. Heute früh wurden noch einige Untersuchungen gemacht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass er gesund wird, ist gering. Sollte er aufwachen, würde er für immer ein schwerer Pflegefall sein.“

Ohne zu antworten wankte ich zurück in dein Zimmer. Mein Gesicht, ganz an deines geschmiegt flüsterte ich dir zu, wie sehr ich dich liebe

und dass die Ärzte sich bestimmt irren.

So konnte nicht alles zu Ende sein.

Mein Kopf in vertrauter Weise auf deiner Brust, hörte ich dein Herz schlagen. Wie konnte sein Rhythmus so regelmäßig sein, wenn mein Herz rebellierte,

als wäre sei es ein gefangenes Tier, das seinen eisernen Käfig durchbrechen wollte. Gleichmäßig hob und senkte sich dein Brustkorb,

das Atemgeräusch durch den Tubus war monoton.

Wieso lagst du einfach nur da? Du, der Sturzbäche von Gefühlen in sich trugst. Du, der stark sein konnte, der Kluge, der Wissende?

Wusstest du denn nicht, dass das Leben dich braucht?

Hatten die Ärzte Recht?

Ich war verzweifelt und mutlos, dass ich nichts abwenden konnte. Niedergeschlagen, dass die himmelhoch jauchzenden Tage mich zur

Glücksgöttin hinauf katapultiert und deine zu Tode betrübten Stunden mich ins Dunkel der Ohnmacht hinab gestoßen hatten.

Dein Zustand, der körperliche und der seelische, beeinflusste mein Denken, lenkte mein ganzes Dasein.

Ich dachte für zwei.

„Aus tiefem Traum bin ich erwacht-

Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht.

Tief ist ihr Weh.“, sagt Nietzsche.

 

Am vierten Tag nahm der Arzt alle Hoffnung. Kein Leben mehr für dich, kein Leben mehr für uns.

Abwesend, betäubt saß ich an deinem Bett und hielt deine Hand. Es sollte also sein, wie du es gewollt hattest.

Hattest du es aber wirklich in der verhängnisvollen einsamen Stunde gewollt?

Wieder erinnerte ich mich an Worte von dir: „Du musst meinen Tod ja nicht aushalten, du kannst mir folgen. Ich hülle dich ein in meine Liebe, egal wo ich bin.

`Niemand kennt den Tod und niemand weiß, ob er nicht für den Menschen das allergrößte Glück ist`, das sagte Sokrates. Klingt das nicht beruhigend?“

Am späten Abend kam eine Schwester und fasste mich sanft an die Schulter. Sie fragte, ob ich nicht nach Hause gehen und mir ein paar Stunden Ruhe gönnen wolle.

 

Vor fünf Tagen, vor 120 Stunden war noch alles in Ordnung gewesen. Vor sechs Tagen, vor sieben, vor acht Tagen, vor 192 Stunden.

Ich rechnete nur noch in Stunden, was war wann.

Du lagst vor mir, ich konnte dich sehen, dich berühren.

Das Beatmungsgerät, sie werden es doch nicht abschalten?

Mich beschlich eine wahnsinnige Angst.   So, wenigstens so wollte ich dich behalten. Jeden Tag, in ein, in zwei, in fünf Tagen und immer so fort.

Ich war erschöpft, könnte ich doch diese Stunde behalten, immer von vorn beginnend, wie man einen Film wieder auf die gleiche Szene zurücksetzen kann.

Ich streichelte dich, sprach mit dir. Ich flüsterte, ich war dir ganz nah.

Noch nie hatte ich so geliebt, so reißend geliebt.

Kurz wünschte ich, es wäre umgekehrt. Dann müsste ich diese Qual nicht ertragen.

Wie konnte mir dieser Gedanke in den Sinn kommen? Nein, du solltest das nicht aushalten müssen.

Ich versuchte mich mit deinen Worten zu trösten: „Wenn ich tot wäre, wäre ich doch immer bei dir. Du weißt es, ich habe es dir oft gesagt. Nichts kann uns mehr trennen.“

Ich begann Abschied zu nehmen und versicherte dir, dass alles gut ist, wie es ist. Dass du von Liebe begleitet gehen kannst.

 

Dann war es vorbei.

„Die Liebe hat einen Triumph und der Tod hat einen,

die Zeit und die Zeit danach. Wir haben keinen.“

Ingeborg Bachmanns Gedicht, wie ähnlich deinen Worten: „über die Zeit und ich weiß, auch über Raum.“

Kein Wort der Tröstung und war es noch so schön, konnte mich erreichen. Ich konnte nur stumm schreien: „Warum, warum?“

 

Es wurde hell im Zimmer.

Ich stand auf, öffnete das Fenster und schickte den Traum dieser Nacht, mit den zarten Wolken am Frühlingshimmel, auf den Weg zu dir.

Ich nahm deinen Gedichtband zur Hand und öffnete die Seite mit dem Lesezeichen.

Das Gedicht von Ricarda Huch ist auch mir ein Lieblingsgedicht geworden:

„Entlang die dürre Hecke, die Blüten einst geregnet,

geh ich allein, wo er mir so manches Mal begegnet.

Mein Herz fängt an zu klopfen, wie sonst, wenn ich ihn sah

und weiß doch, niemand, niemand nun wartet meiner da.

Sieh, schwarz verhüllt im Mantel nach meines Liebsten Art,

lehnt einer an den Zweigen und späht hinaus und harrt.

Er winkt mir, Blätter tanzen im Nebel um ihn her.

Es ist der Tod. Ich komme – umarmst du so wie er?“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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