Tod im Blumenfeld

Abgelegen am Rande eines kleinen Dorfes lag das 4000 Quadratmeter große Grundstück. Das Haus schmiegte sich an den Waldrand. Eine Brachwiese von 300 Quadratmetern, in der allerlei Getier seine Heimstatt hatte, war das Prachtstück und ein Insektenparadies.
Am Rand der Wiese hatten Waldameisen einen großen Hügel errichtet.
Vor 30 Jahren erbten beide Haus und Grundstück von ihren Eltern. Das Glück zog ein in dieses Paradies. Beide hatten Freude an der Natur und an der Abgeschiedenheit. Zum Dorf waren es fünf Kilometer, zur Stadt achtzehn. Der Kinderwunsch blieb unerfüllt. Sie arbeitete im Dorf in der Gemeinde, vor ein paar Jahren hörte sie auf und widmete sich nur noch dem Müßiggang.
Er war vor der Rente Filialleiter eines kleinen Supermarktes gewesen. Die Jahre flogen dahin und
Sprachlosigkeit, Desinteresse am anderen und Egoismus machten sich schleichend breit.
In den letzten Jahren war die Ehe endgültig aus den Fugen geraten, so überdimensional wie ihre Figur.
Die „Goldene“ vor ein paar Jahren hatten beide nicht gefeiert, obwohl die ahnungslosen Freunde darauf drangen.
„Einen Raum mieten ist doch gar nicht so teuer. Dann habt ihr das ganze Gedöns nicht im Haus. Da lässt es sich viel entspannter feiern. Mensch, der Fünfzigste, das ist doch was! Ob Rolf und ich je so weit kommen?“, meinte Uschi.
„Unsinn! Macht doch eine ganz besondere Reise, nur ihr zwei.“, warf Rolf ein. Er pflichtete seiner Frau nie bei. Er musste immer etwas Gegenteiliges sagen.
„Solange halten es viele gar nicht aus. Das ist doch ein Grund.“, meinte abschließend Hilde.

Seit achtzehn Jahren sprachen sie sich nicht mehr mit Namen an. Die Kosenamen aus ihrer Jugendzeit waren schon vor 25 Jahren verschwunden. Er erinnerte sich, dass sie genau am 25. Hochzeitstag gesagt hatte:
„Nun lass uns mal mit dem albernen Schatzgetue aufhören. Mach dir nichts vor, wir lieben uns schon lange nicht mehr.“ Sie setzte noch hinzu: „Oder siehst du das anders?“
Erst da kam ihm die Erkenntnis, dass sie Recht hatte.
Also hatte er beschlossen sich mit Annoncen zu befassen. Er traf sich mit Frauen, die er im Internet kennenlernte. Das war viel einfacher, als die früheren Zeitungsanzeigen.
„Ich verstehe nicht, was du in deinem Alter alles am Computer machst. Tu lieber mal was im Garten oder such dir ein Hobby.“ Kopfschüttelnde, immer wieder kehrende Kommentare ihrerseits.
„Dein Hobby ist mir inzwischen reichlich klar geworden. Friss nicht so viel, sonst platzt du eines Tages und mit dem Fresshobby ist es aus.“, so zu kontern war ihm immer ein Vergnügen.
Sie wog inzwischen um die 112 Kilo. 60 mehr, als vor 50 Jahren. Dazu zwängte sie sich immer in eine Kleidergröße kleiner. Ob sie sich damit selbst täuschen wollte oder sich sexy fand? Es war ihm nicht klar, wie man freiwillig zu einer menschgewordenen Leberwurst werden konnte. Wenn er sie im Bett von der Seite betrachtete, entbehrte der Anblick nicht der Komik. Der Kopf schien tiefer zu liegen als die Brust und erst dann kam ein sich rhythmisch hebender Berg, an welchem sie kaum noch hochblicken konnte.
Besonders widerwärtig fand er das Szenario, wenn sie schnarchte. Dann bebte der schwabbelige Berg auf und ab und wippte am Ende jeden Schnarchers nach.
Gewiss in ihrem Alter war niemand mehr glatt, frisch und schön. Er war seit Jahren kahl, sehr faltig und dünn.
Er sang ihr ab und zu das Lied von Charles Aznavour: „Du bist so komisch anzusehn, denkst du vielleicht das find ich schön. Du lässt dich gehn, du lässt dich gehn.“
Dann näselte er mit französischem Akzent: „Ich kann dich einfach nicht mehr sehn. Mit deiner schlampigen Figur, gehst du mir gegen die Natur.“
Stoisch nahm sie es hin, ohne die geringste Erwiderung.

Jedes Jahr ohne sie wäre ein Gewinn.
Er rechnete, dass er bei viel Glück noch 10 Jahre leben könnte, womöglich länger. Mit 75 war das Leben nicht am Ende. Aber vielleicht lebte er nur noch 5 Jahre, denn sein Herz machte ihm häufiger Probleme als erwünscht.
Bis zum Ende leben mit einer Frau, die sich zu einem Fettberg entwickelt hatte, der in letzter Zeit einen gewissen Geruch annahm, der auf mangelnde Hygiene hinwies?
Das ist tatsächlich der Grund sie nun endlich umzubringen und sie dann in der Brachwiese der Natur zu überlassen. Er hatte gelesen, dass Ameisen ganz vortreffliche Aasfresser sind und auch Wespen erfreuen sich nicht nur an Marmeladenbrötchen.
Alles sprach für ihn. Die Jahreszeit war geradezu ideal. Die Geruchsbelästigung war durch die Abgeschiedenheit zu vernachlässigen. Und er konnte im Winter darauf hoffen, dass die Leichenreste von Wildschweinen beseitigt werden.
Das Wetter, ein wichtiger Faktor, versprach feuchtheiße Tage.
Am Nachmittag ging er zur Brachwiese, um den idealen Platz festzulegen. Weit hinten, jedoch nicht zu nah am Waldrand oder doch lieber mittig von allen Seiten unsichtbar?
Während er immer tiefer in die Wiese vordrang, machte sein Herz vor Aufregung einige Hopser. Beim letzten Hopser griff er sich an die linke Brustseite und stürzte mitten in die von ihm ausgesuchte Stelle.

Sie vermisste ihn tagelang nicht. Im Gegenteil, sie hatte ein Glücksgefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Sie saß bis in die Nacht am Fernseher und hatte ihre Lieblingsnaschereien um sich gestellt.
Ja, sie war fett geworden. Na und? Was hatte sie sonst noch? Am besten, er bliebe weg.
Nach eine Woche kam sie ins Grübeln. Hatte er sie sang- und klanglos verlassen?
Auch gut. Aber ohne einen Koffer, Hygieneartikel und Portemonnaie?
Ihre Trägheit ließ sie zu dem Entschluss kommen, einfach abzuwarten.
Nach vier Wochen hatte sie sich daran gewöhnt, dass er nicht da war. Niemand fragte nach ihm. Die gemeinsamen Freunde hatten schon vor einiger Zeit das Weite gesucht.
Seine Rentenzahlung kam pünktlich und auf dem gemeinsamen Konto war keine Bewegung seinerseits gewesen.
Herbst und Winter vergingen. Sie hatte ihn fast vergessen, den Mann den sie vor über 50 Jahre geheiratet hatte.

Die ersten Frühlingstage lockten mit ihrem Duft nach draußen. Schwer atmend ging sie langsam zum Waldrand. Den Winter über hatte sie noch mehr zugenommen und ihre Beine wollten sie kaum eine längere Strecke tragen.
Alle paar Schritte verschnaufend erreichte sie die Brachwiese.
Vom Rand aus sah sie, dass zum Wald hin eine Art Trampelpfad entstanden war. Im Frühjahr machte dieses Stück Land dem Namen „brach“ alle Ehre. Deswegen erkannte sie, dass auf dem Trampelpfad Knochen lagen und ein paar Stofffetzen einer alten Jeans.
Sie keuchte sich schleppend näher. Was sie dann entdeckte ließ ihr das Herz erstarren. Heftiger Schwindel erfasste sie. Sie beugte sich vor, um zu erbrechen und fiel dabei auf die teilverweste, zerfledderte Leiche ihres Mannes.

Zwei Jahre später erst fiel der Rentenkasse auf, dass die Antwort auf wiederholt gesandte Schreiben ausfiel.
Man fand die Leichen vereint im Blumenbeet.

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