Was du tust, das tue bald

 

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein sagten sich zwei Menschen an einem sonnigen Maitag des Jahres 1989 im Park von Babelsberg. Sie 39, er 19 Jahre alt, Mutter und Sohn. Die berühmte Glienicker Brücke war nur einen Katzensprung entfernt, dennoch unerreichbar. Bereits Jahrzehnte zuvor warfen politische Ereignisse ihre Schatten voraus. Die deutsche Teilung war das eine, Demokratie und Diktatur das jeweils andere. Die wirtschaftliche Lage der DDR hatte sich 1961 stark verschlechtert. Das war nicht  die Folge des Aufstandes von 1953 oder die fortdauernde  (Ent)täuschung in der Planwirtschaft. Über zweieinhalb Millionen Menschen hatten bis 1961 die DDR  verlassen. Die Staatsführung erkannte nicht die Zeichen der Zeit. Im Juli 1961 nahmen 30.000 Menschen die letzte Möglichkeit zur Flucht nach Westberlin wahr. Schon in den Monaten zuvor waren die S-Bahnen in den Westsektor überfüllt. Die Leute transportierten teilweise ihren gesamten beweglichen Haushalt. Säcke mit Bettzeug, Wäsche, sowie Garderobe. Koffer mit Geschirr und Besteck. Kisten mit Töpfen und Elektrogeräten. Man wollte im Westen ja nicht „ohne“ dastehen. Der folgende Mangel an Arbeitskräften machte der DDR den sprichwörtlichen Garaus.

Antrag auf ein Antragsformular Ein Antrag zur ständigen Ausreise aus der DDR wurde als rechtswidrig angesehen und war nicht selten für die Antragsteller mit jahrelangem Warten, Repressalien und Arbeitslosigkeit verbunden. Mutter und Sohn suchten das sprichwörtliche Ei des Columbus und meinten es gefunden zu haben im baldigen 70.Geburtstag eines Westonkels. Denn Reisen in das nichtsozialistische Ausland waren für Bürger außerhalb des Rentenalters zu besonderen Anlässen möglich. Sie füllte bei der Meldestelle des örtlichen Volkspolizeiamtes das Formular für eine einwöchige Besuchsreise in die BRD aus. Abgelehnt . Aus dem Plan, sie fährt zum Geburtstag, kommt nicht zurück, und beide stellen einen Antrag auf Familienzusammenführung, sollte also nichts werden, denn grau ist alle Theorie. Daraufhin wagte sie sich in die Höhle des Löwen, ins Ministerium des Innern der DDR, um nachzufragen, warum die örtliche Behörde die Reise abgelehnt hatte. „Bürgerin, fahren Sie nach Hause. Die Reise wird nicht genehmigt!“, lautete die Antwort.  Warum nicht? Sie fand nicht die Spur von einem Geist, alles war Dressur. Weil, so merkten beide messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf. Jedoch ist aufgeschoben nicht aufgehoben.   

In Bereitschaft sein ist alles    Am 19. August organisierten das Ungarische Demokratische Forum und die Paneuropa Union unter Imre Poszgay und Otto von Habsburg das berühmt gewordene „Paneuropäische Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze. Dabei wurde ein altes Grenztor für drei Stunden geöffnet, um der neuen Freundschaft zwischen Ungarn und Österreich ein Symbol zu geben. Etwa 700 DDR-Bürger entschlossen sich spontan die Gelegenheit zu nutzen. Sie trafen an dem Tor auf verblüffte ungarische Grenzer, die ihnen aus Überraschung und  Unsicherheit den Durchgang ermöglichten. Es war einer der Zündungsmechanismen, woraufhin immer mehr Menschen jeden Alters nach Ungarn kamen. Besonders groß war die Anzahl von jungen Leuten. Alle traten ihre Reise ohne gesicherte Unterkünfte an. Vor allem in Budapest-Zugliget Und dem Grenzort Sopron, aber auch am Balaton hielten sie sich zur Flucht bereit.

Was du tust, das tue bald     dachte er und beantragte ebenfalls ein Visum für eine Reise nach Ungarn. Falls unsere Fluchtwilligen beide ein Visum einreichen würden, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass beide Reisegenehmigungen ohne Angabe von Gründen – aus Gründen – verweigert werden würden. Ende Juli und im August 1989 gab es eine Flut von diesen Anträgen bei den zuständigen Meldestellen. Ohne die Genehmigung konnte man die Grenzen der Bruderländer nicht passieren, außer zur Tschechoslowakei. Nach vierwöchiger Wartezeit war es soweit. Er ging voran, würden sie sich je wiedersehen? Eine Frage, die man zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten konnte. Sie ließ ihn mit aller Liebe und guten Wünschen in seine Zukunft ziehe: „Denn meine Gedanken   zerreißen die Schranken   und Mauern entzwei,  die Gedanken sind frei.“ Beide hofften, dass ein Wiedersehen in Prag später einmal möglich sein würde. Wem der große Wurf gelungen, mische seinen Jubel ein. Jubel übertönte am 30.September 1989 den Rest der Ansprache des Bundesaußenministers Hans Dietrich Genscher. Auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag verkündete er: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise … erleichterter Jubelsturm … in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.“ Seit Wochen lebten in den Räumen und im Garten der Botschaft DDR-Bürger, die unter dramatischen Umständen über den Zaun in die deutsche Botschaft gelangt waren. Mit diplomatischem Geschick war es Hans Dietrich Genscher gelungen, diese Regelung zu treffen.

Viel bewundert und viel gescholten.  Lech Wałęsa, dem heute fast vergessenen Helden der Danziger Werfttage, war mitzuverdanken, dass die Gründung von „Solidarność“ und die Einrichtung „Runder Tisch“ für freien demokratischen Austausch möglich geworden waren. Dadurch konnte das polnische Volk erstmals bereits im Juni 1986 ein neues Parlament wählen. Tadeusz Mazowiecki wurde neues Staatsoberhaupt. Ein Novum im Ostblock!

Egon hat einen Plan  Vom Politbüro wurde ein 3 Punkteplan zur Reiseproblematik erstellt.   Die in Punkt 1 geforderte Anerkennung der DDR seitens der BRD sollte Bedingung sein für die Erweiterung von Reisemöglichkeiten der DDR-Bürger. Eine Erpressung! Punkt 2 träte in Kraft, wenn die Bundesrepublik der  Aufforderung nachkäme, die Staatsbürgerschaft der DDR anzuerkennen. Zuvor würde man sämtliche Staatsgrenzen schließen, um bis Weihnachten bessere Reisemöglichkeiten zu schaffen. Eine Erpressung! Punkt 3 verhieß jedem DDR-Bürger einen Pass und ein Visum, außer Geheimnisträgern, Angehörigen der NVA  und anderen bestimmten Personen. Dieser Punkt enthielt die Gefahr von weiteren tausenden Anträgen auf einen Pass und ein Visum. Egon Krenz empfahl Punkt 2 in die Wege zu leiten, obwohl die Bundesregierung die DDR-Staatsbürgerschaft nicht anerkannte. Die Folge war, dass nun die Grenze zur ČSSR am 3.Oktober geschlossen wurde! Das ganze Land ringsum nach außen versperrt. Das Wort vom „Ghetto“ klang im Kollegenkreis durch. Ein gefährlicher Unterdruck entstand und entlud sich in massiven Protesten und teilweisen Stürmungen der polizeilichen Pass– und Meldestellen.  Den Sohn nicht wiedersehen und später einmal seine Familie nicht kennenlernen? Kein Treffen in Prag? Sie dachte an ihre Großmutter, die ihren Sohn Jahrzehnte nicht wiedergesehen hatte, nachdem er 1953 abgehauen war. Sie erinnerte sich an Heiligabende, an welchen stundenlang auf ein angemeldetes Gespräch aus Westdeutschland gewartet wurde. Kam der Anruf, konnte die Großmutter vor Aufregung zunächst nur weinen. Häufig wurde das Telefonat nach 2-3 Minuten einfach abgebrochen. Viele Male war das Warten, die Stimme des Sohnes zu hören, vergeblich. So wie in all den Jahren ein „Westtelefonat“ fast unmöglich war, würde es ohne Wiedersehen Entfremdung bedeuten.Das Schicksal der Großmutter sollte sich wiederholen?

 

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben